Ab Januar 2026 bleibt das Thema Depression in Deutschland hochaktuell. Viele Betroffene merken lange Zeit nicht, dass sie unter einer depressiven Erkrankung leiden – besonders nicht bei der sogenannten „versteckten“ oder „larvierten“ Depression. Hier stehen oft körperliche Beschwerden, Erschöpfung, Reizbarkeit oder innere Leere im Vordergrund, während klassische Traurigkeit oder Hoffnungslosigkeit im Hintergrund bleiben.

Ein häufiges Merkmal: Viele Menschen mit versteckter Depression können etwa sechs von zehn typischen Fragen zu depressiven Symptomen nicht eindeutig mit „Ja“ beantworten. Sie fühlen sich zwar nicht gut, können aber die klassischen Kriterien nicht klar bestätigen. Genau das macht die Erkrankung so schwer erkennbar.

Der folgende Text erklärt, woran man eine versteckte Depression erkennen kann, welche Rolle Selbsttests spielen, wie seriöse Online-Fragebögen aufgebaut sind und welche nächsten Schritte sinnvoll sind, wenn das Ergebnis nachdenklich stimmt. Der Beitrag ist bewusst sachlich und informativ gehalten – als Orientierungshilfe für Betroffene, Angehörige und Interessierte.

Was ist eine versteckte Depression eigentlich?

Die versteckte Depression (auch larvierte Depression, somatisch maskierte Depression oder Depression sine depressione genannt) unterscheidet sich von der „klassischen“ Major Depression vor allem durch das Symptomprofil. Während bei einer typischen Depression Traurigkeit, Freudlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit im Vordergrund stehen, klagen Betroffene mit versteckter Form meist zuerst über körperliche Beschwerden.

Typische Beschwerden sind:

anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung trotz ausreichend Schlaf

diffuse Schmerzen (Rücken, Kopf, Magen, Gelenke) ohne klaren organischen Befund

Schlafstörungen (Einschlafprobleme, Durchschlafstörungen, zu frühes Erwachen)

Verdauungsbeschwerden, Appetitveränderungen

Konzentrations- und Gedächtnisstörungen

starke Reizbarkeit, innere Unruhe oder Gereiztheit

Gefühl der inneren Leere oder Gefühlsstarre

Rückzug aus sozialen Kontakten, ohne dass man selbst Traurigkeit als Hauptgrund nennen könnte

Viele Betroffene sagen Sätze wie: „Ich bin einfach nur müde“, „Es ist alles zu viel“, „Ich funktioniere zwar, aber es macht keinen Spaß mehr“ oder „Ich spüre mich selbst kaum noch“. Die klassischen Gefühlsfragen („Sind Sie traurig?“, „Haben Sie keine Freude mehr?“) werden oft verneint oder nur zögerlich bejaht – genau deshalb können sechs von zehn Standardfragen in gängigen Tests nicht klar mit Ja beantwortet werden.

In Deutschland leiden schätzungsweise 15–20 % aller depressiven Erkrankungen unter dieser maskierten Form. Besonders häufig betroffen sind Männer, ältere Menschen und Personen in Berufen mit hohem Leistungsdruck. Die Gefahr: Weil die Symptome körperlich wirken, landen viele erst bei Internisten, Orthopäden oder Neurologen – und erhalten jahrelang keine adäquate psychische Behandlung.

Warum fallen bei versteckter Depression so viele klassische Testfragen negativ aus?

Standardisierte Depressionsfragebögen wie der PHQ-9, der BDI-II oder die WHO-5 basieren größtenteils auf den ICD-10- und DSM-5-Kriterien einer Major Depression. Die Fragen zielen auf:

gedrückte Stimmung

Interessenverlust

Antriebsmangel

Schuldgefühle

Konzentrationsstörungen

Suizidgedanken

Schlaf- und Appetitveränderungen

psychomotorische Unruhe oder Hemmung

Bei einer larvierten Depression sind viele dieser Kernsymptome entweder abgeschwächt, umgedeutet oder gar nicht bewusst wahrnehmbar. Stattdessen dominieren die körperlichen Beschwerden. Deshalb antworten Betroffene oft:

„Ich bin nicht traurig, nur total erschöpft“

„Ich habe noch Interessen – aber ich kann sie nicht mehr ausleben“

„Ich mache alles wie immer – aber es kostet mich unendlich viel Kraft“

Das führt dazu, dass in vielen Tests nur vier oder weniger von zehn Fragen positiv beantwortet werden – obwohl eine behandlungsbedürftige Depression vorliegt. Experten sprechen deshalb von einer „Untererfassung“ in standardisierten Instrumenten. Aus diesem Grund empfehlen Fachgesellschaften (DGPPN, DGP) bei Verdacht auf versteckte Depression zusätzlich spezifische Fragen zu körperlichen Symptomen, Leeregefühl, Reizbarkeit und innerer Anspannung.

Wie seriöse Online-Depressionstests aufgebaut sind

Gute Online-Fragebögen zur Depressionsabklärung sind in Deutschland meist an wissenschaftlich validierte Instrumente angelehnt. Häufig genutzte Grundlagen:

PHQ-9 (Patient Health Questionnaire-9) – 9 Fragen, sehr verbreitet in der Hausarztpraxis

WHO-5 Wohlbefindensindex – 5 Fragen, sehr kurz, gut zur Verlaufsbeobachtung

BDI-II (Beck Depressions-Inventar) – 21 Fragen, detaillierter

HADS-D (Hospital Anxiety and Depression Scale) – speziell für körperlich Kranke

ADS-L (Allgemeine Depressionsskala – Langform) – 20 Fragen

Seriöse Tests enthalten:

klare Antwortskalen (z. B. 0 = gar nicht, 3 = fast jeden Tag)

Zeitraumangabe (meist letzte 2 Wochen)

Auswertung mit Punktesystem und Grenzwerten

Disclaimer: „Dieser Test ersetzt keine ärztliche/psychotherapeutische Diagnose“

Empfehlung, bei erhöhten Werten einen Arzt oder Psychotherapeuten aufzusuchen

Viele deutsche Plattformen (z. B. von Krankenkassen, Stiftung Deutsche Depressionshilfe, Universitätskliniken) bieten solche Instrumente an. Die Ergebnisse sind nur als erster Anhaltspunkt zu verstehen – eine Selbstdiagnose ist nicht möglich.

Was tun, wenn der Test nachdenklich stimmt?

Ein erhöhter Wert im Fragebogen ist ein Signal, das ernst genommen werden sollte. Die nächsten Schritte können sein:

Hausarztbesuch – viele Hausärzte führen PHQ-9 routinemäßig durch und überweisen bei Bedarf

Psychotherapeutische Sprechstunde – Termin innerhalb von 4 Wochen möglich (§ 92 SGB V)

Krisendienst oder Telefonseelsorge (0800 111 0 111 / 0800 111 0 222) – anonym und rund um die Uhr

Selbsthilfegruppen – z. B. über die Deutsche Depressionshilfe oder NAKOS

Online-Angebote wie Selfapy, Invirto oder HelloBetter – von Krankenkassen bezuschusst

Wichtig: Auch bei versteckter Depression helfen Psychotherapie (vor allem kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeitsbasierte Verfahren, Interpersonelle Therapie) und ggf. Medikamente sehr gut. Je früher die Behandlung beginnt, desto besser die Chancen auf vollständige Erholung.

Warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen – auch wenn man „eigentlich gar nicht depressiv“ wirkt

Viele Menschen mit versteckter Depression funktionieren nach außen weiter. Sie gehen zur Arbeit, erledigen den Alltag, kümmern sich um Familie – und leiden innerlich still. Genau deshalb wird die Erkrankung oft erst spät erkannt.

Die Folgen einer unbehandelten Depression können schwerwiegend sein: chronische Schmerzen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Burnout, Beziehungsprobleme, Arbeitsunfähigkeit. Gleichzeitig ist die Prognose bei frühzeitiger Behandlung sehr gut – die meisten Menschen erholen sich deutlich und können wieder Lebensfreude spüren.

Ein Selbsttest ist ein erster kleiner Schritt. Er kostet wenig Zeit, kann Klarheit schaffen und den Mut stärken, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Niemand muss allein bleiben.